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Soll man sich von jüdischen Wurzeln entkoppeln?


Gabriel A. Goldberg, M.A.

Es gab eine größere Beunruhigung unter Evangelikalen, als der US-Pastor Andy Stanley von der North Point Community Church in Atlanta während einer ausgestrahlten Predigt vorschlug, die Christen müssten sich „entkoppeln“ (abtrennen) von den jüdischen Schriften, wie dies auch Paulus, Petrus und Jakobus getan hätten. Er führte aus, sie hätten die Kirche entkoppelt von der Weltsicht, dem Wertesystem und den Regeln der jüdischen Schriften.

Was also ist das Problem? Stanley ist kein Einzelfall. Die Ersatztheologie (Enterbungslehre) gibt es bereits seit dem 2. Jahrhundert; schon damals verließ die Christenheit ihre jüdischen Wurzeln (vgl. Ignatius von Antiochien, Justinus, Origenes, Tertullianus). Doch Stanley steht einer Mega-Kirche mit 40.000 Mitgliedern vor und hat Millionen TV-Zuschauer. Er gilt als einer der 5 einflussreichsten Pastoren der heutigen USA. Das verleiht seinen öffentlichen Äußerungen, wie fehlerbehaftet sie auch sein mögen, Gewicht.

Eine Neuauflage von Nicäa

Mancher hört in Stanleys Worten Anspielungen auf das Erste Kirchenkonzil von Nicäa 325 heraus. Tatsächlich bezog sich Stanley in seiner Predigt auf jene Versammlung, ohne jedoch deren antijüdische Schmähungen zu erwähnen.

In Nicäa beschlossen 318 Bischöfe Ostern nicht mehr zeitgleich mit dem jüdischen Passahfest zu feiern, wie bis dahin üblich. Zentral für die Entscheidung des Rates, sich vom historischen jüdischen Datum „zu entkoppeln“, waren antijüdische Sentiments: „Es wurde erklärt, es sei besonders unwürdig für dieses, das heiligste aller Feste [Ostern], den Gebräuchen der Juden zu folgen … Wir sollten … nichts gemein haben mit den Juden … Es ist unser Wunsch, verehrte Brüder, uns von der verabscheuenswürdigen Gesellschaft der Juden zu trennen … (Hervorhebung durch mich, auch in den nachfolgenden Zitaten).

Was sagte Jesus?

Sich loszulösen von den jüdischen Schriften (Altes Testament oder Tanach im Hebräischen) sollte sich als schwierig erweisen. Ich vermute, Stanley hat nie gezählt, wie häufig im Neuen Testament aus dem Alten Testament zitiert wird: 456 Mal!

Jesus sagte wiederholt, „ es steht geschrieben …“ oder, „habt ihr nicht gelesen …?“ und bezog sich dabei auf das Alte Testament. Und, „denn wahrlich, ich sage euch: Bis der Himmel und die Erde vergehen, soll auch nicht ein Jota oder ein Strichlein von dem Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist“ (Mt. 5, 18). Und, „zeige dich dem Priester, und bring die Gabe dar, die Mose angeordnet hat (Mt. 8, 4).

Andere sagten: „Denn es steht geschrieben im Buch der Psalmen … (Apg. 1, 20), „… sondern das ist‘s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist …“ (Apg. 2, 16). „Denn was sagt die Schrift … (Röm. 4, 3). Oder, „… gedenkt an die Worte, die zuvor gesagt sind von den heiligen Propheten …“ (2. Petr. 3, 2).

Kein Bedarf für das Alte Testament?

Stanley zufolge ist die Auferstehung die Geburtsstunde des Christentums, durch die der Übergang in ein neues religiöses System erfolgte, eines, das jetzt die Nichtjuden mit einschloss. Durch sie wurde das alte System abgeschafft, welches auf der Berufung und der Einzigartigkeit des jüdischen Volkes und den Verheißungen der jüdischen Schriften basierte. Was zuvor war, war nun beendet, war ersetzt worden.

Ich will hier weder die Auferstehung, noch die Akzeptanz von Nichtjuden in ihrer Bedeutung für Christen schmälern, doch steht Stanleys oberflächliche Zurückweisung der einzigartigen Rolle Israels im Widerspruch zu Paulus’ Aussagen: „Denn Gottes Gaben und Berufung sind unwiderruflich (Röm. 11, 29, vgl. auch 3, 1-3; 9, 4-5; 11, 1-2).

Nach der Auferstehung hat sich Jesus weiterhin auf das Alte Testament bezogen (Lk. 24, 44-45). Zudem sind Himmel und Erde noch immer nicht vergangen, und somit auch nicht das Gesetz für Juden. Es wird deutlich, weder Jesus, noch die Schreiber des Neuen Testaments, noch Paulus, empfanden je die Notwendigkeit, sich vom Tanach loszulösen wie Stanley es tut.

Stanleys Ungenauigkeiten gehen weiter. Er behauptete, die jüdischen Schriften, ja sogar die Zehn Gebote seien keine „Informationsquelle“ (Richtlinie) für irgendein Verhalten der Kirche. Doch wieder einmal wird er widerlegt durch selbiges Neues Testament, das er über alle anderen Schriften stellt: Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Besserung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit …” (2. Tim. 3, 16). Das Alte Testament dient absolut als Verhaltensrichtlinie für alle, wenn auch nicht in den Details bei den Gesetzen für Juden, so doch mindestens dem Geist des Gesetzes nach.

In Zahlen ausgedrückt

Wenn Christen, wie Stanley vorschlägt, ihre Weltsicht nicht mehr von den jüdischen Schriften prägen lassen, von jener biblisch-inspirierten jüdischen Denkart, wie können sie dann überhaupt den Text, den sie lesen und schätzen, verstehen? Das Neue Testament ist durchdrungen von jüdischen Begriffen, Konzepten und sogar rabbinischen Zitaten.

Jude[n] oder das jüdische Volk werden im Neuen Testament 202 Mal genannt. Dazu werden Israel und Israelit[en] 78 Mal erwähnt. Christ[en] findet man 3 Mal. Das Christentum wird kein einziges Mal erwähnt, noch nicht einmal von Paulus.

Was ist mit den biblischen jüdischen Festen? Das Passahfest wird 30 Mal erwähnt. Schawuot (Pfingsten) und Sukkot (Laubhüttenfest) sind ebenfalls genannt.

Sogar die rabbinisch angeordneten Feiertage des Chanukka, des „Festes der Tempelweihe“ sind eine Erwähnung wert (Joh. 10, 22). Martin Luther hat Chanukka in seiner Übersetzung fälschlicherweise mit „Kirchweihe“ wiedergegeben, obwohl es sich in Wahrheit auf die Tempelweihe bezieht.

Und die größten christlichen Feste? Ostern und Weihnachten befinden sich nicht im Neuen Testament. Die historischen Ereignisse, die zu ihrer Inspiration führten, werden erwähnt, doch die Feste selbst nicht. Manche Übersetzungen beziehen sich an einer Stelle auf Ostern (Apg. 12, 4), doch das ist in Wahrheit eine falsche Übersetzung des Begriffs „Passahfest“.

Stanley ist bestrebt, das Christentum zu entjudaisieren. Man wundert sich jedoch, wie er dies mit der Kirchenpolitik des Synkretismus (der Vermischung) von christlichen und heidnischen Traditionen in der Antike zusammenbringt, die Neubekehrte anziehen sollte. Ostern leitet sich ursprünglich ab von Eostre (Ostara), der sächsisch-heidnischen Göttin der Fruchtbarkeit und wurde an der Frühjahrs-Tag-und-Nachtgleiche gefeiert. Weihnachten entspringt der Christianisierung der heidnischen römischen Feiertage Saturnalia zur Wintersonnenwende, welche die alljährliche Wiedergeburt der Sonne markierte (dies solis invicti nati). Dies wurde mit gegenseitigen Geschenken, dem Schmücken mit Immergrün und Kerzen gefeiert.

Was ist mit „Sabbat“, „Tempel“, „Synagoge“? Es gibt zahlreiche Verweise darauf im Neuen Testament.

Doch „Kirche“? Trotz vieler späterer Übersetzungen, findet sich „Kirche“ nicht ein einziges Mal im griechischen Text des Neuen Testaments, da es dieses Wort damals noch nicht gab. Der griechische Text verwendet das Wort „ekklēsia“, das heißt so viel wie „Versammlung der Herbeigerufenen“. Dies wurde als „Kirche“ übersetzt und rückblickend in die damalige Zeit in den Text hineininterpretiert, aber nicht aus dem Text selbst herausgenommen. Ekklēsia wurde formell seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. verwendet, wenn man sich auf staatsbürgerliche Versammlungen bezog (von Bürgern, die „herausgerufen“ waren aus dem gemeinen Volk). Umgangssprachlich konnte es sich sogar auf heidnisch-religiöse Foren in der Antike beziehen. Es wurde ein generischer Begriff, wie Gesellschaft. Ekklēsia konnte sich auch auf eine Synagoge beziehen (vgl. Josephus).

Kein Zahlenspiel

Es geht hier nicht um Zahlen und darum, wer gewinnt. Doch es sollte jedem ersichtlich sein, wenn vielleicht auch nicht Pastor Stanley, dass das Neue Testament ein sehr jüdisches Buch ist, das in den jüdischen Schriften verwurzelt ist.

Rev. Stanleys Mentor, Billy Hybels, Gründer der Willow Creek Community Church (AP)

Ich erwarte von Christen nicht, Juden zu werden, die jüdischen Feste oder die kleinsten Einzelheiten der jüdischen Speisevorschriften einzuhalten oder ähnliches. Auch erwarte ich von ihnen nicht, die tausenden, von Menschen gemachten, teilweise schönen und bedeutungsvollen, christlichen Traditionen aufzugeben. Letztere wurden geschaffen, um den Glauben in aller kultureller Vielfalt unter den mehr als weltweit 34.000 christlichen Denominationen auszudrücken.

Aufdecken möchte ich jedoch eine auf Unkenntnis beruhende Ansicht über das Neue Testament, die dessen ursprünglich jüdischen Charakter und Inhalt ablehnt. Dies verzerrt viele der Botschaften, die es enthält. Zudem schürt es Antipathie gegenüber Israel und dem jüdischen Volk, wie sich wiederholt in der Geschichte zeigt.

Wer glaubt, Israel sei von Gott verworfen und durch die Kirche ersetzt worden, wird Israels prophetisch garantierte Wiederherstellung ablehnen. Manche werden auf das heutige Israel gemäß weltlicher politischer Trends reagieren (darunter antisemitische, wie der Boykott Israels).

Bezeichnenderweise erachtet Stanley Pastor Bill Hybels als einen seiner Mentoren (Ratgeber). Dieser gehörte früher der Willow Creek Community Church an und ist mit seiner Frau Lynne bekannt für pro-palästinensische Sympathien und Kritik an Israel. Lynne ist regelmäßige Sprecherin auf den antiisraelischen Christ-at-the-Checkpoint-Konferenzen, die am Bethlehem Bible College im Gebiet der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) stattfinden.

Ein Wendepunkt

Seit ein paar Jahren schlagen evangelikale Leiter Alarm. Der Glaube bei Millennials (geboren 1981-1996) und der Generation Z (geboren 1996-2012) lässt nach. Der Kirchenbesuch ist gering. Auch die Unterstützung Israels fällt einer neuen Weltsicht unter jüngeren Christen zum Opfer.

Biblische Grundsätze und Moralbegriffe werden als altmodisch angesehen, durch Slogans einer säkularen „sozialen Gerechtigkeit“ und ähnlichen globalen Bewegungen abgelöst. Während eine neue Generation von Gläubigen, die sich besser in den Sozialen Medien auskennt als in der Bibel, die Führung übernimmt, werden Ausdrucksformen einer pro-israelischen Haltung heruntergespielt (oder als Favoritismus oder Meinung bestimmter Stammesgruppen belächelt); jüdische Wurzeln werden ignoriert. Diejenigen, die noch kirchliche Israelveranstaltungen besuchen, sind tendenziell die Älteren.

Tragischerweise hören junge Christen heute an einem einzigen Tag mehr gegen Israel gerichtete Worte in der Schule, in den Medien oder sonstwo, als Liebesbekundungen für Israel von manchen Pastoren in einem Jahr. Das bleibt nicht folgenlos. Der Widerstand gegen antiisraelische Ausdrucksformen und gegen die Ersatztheologie sinkt.

Dankenswerterweise sind viele Evangelikale, insbesondere in den USA und in Südamerika, an vorderster Front, was die Unterstützung Israels anbelangt. Auch viele christliche Freunde in Mainstream-Kirchen weltweit nehmen eine klare Position ein. Sie sind noch immer eine Quelle des Segens für die Nationen, die sie repräsentieren.