{"id":2118,"date":"2018-03-03T23:26:54","date_gmt":"2018-03-03T21:26:54","guid":{"rendered":"http:\/\/lhashivah.org\/?p=2118"},"modified":"2020-06-03T11:43:38","modified_gmt":"2020-06-03T11:43:38","slug":"the-midrash-on-the-mount-part-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hashivah.org\/de\/the-midrash-on-the-mount-part-2\/","title":{"rendered":"Die Midrasch* auf dem Berg, Teil 2"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"dropcap dropcap3\">I<\/span>n unserer letzten Ausgabe sprachen wir \u00fcber die Bergpredigt. Darin lehrte Jesus ausdr\u00fccklich die getreue Befolgung der Thora bzw. der Gesetze und betonte deren dauerhafte G\u00fcltigkeit durch Hinweis auf eine rabbinische Schriftauslegung \u00fcber das \u201eJota\u201c und den \u201eT\u00fcttel\u201c.<\/p>\n<p>Jetzt werden wir uns kurz mit den 6 kontrastierenden Aussagen Jesu in dieser Predigt befassen. Jede beginnt mit: \u201eEs ist gesagt \u2026\u201c und endet mit, \u201eich aber sage euch \u2026\u201c<\/p>\n<p>Zum Beispiel: \u201eIhr habt geh\u00f6rt, dass gesagt ist: \u201aAuge um Auge und Zahn um Zahn!\u2018 Ich aber sage euch: Ihr sollt dem B\u00f6sen nicht widerstehen; sondern wenn dich jemand auf deine rechte Backe schl\u00e4gt, so biete ihm auch die andere dar\u201c (Matt. 5, 38-39).<\/p>\n<p>Die vordergr\u00fcndige Meinung einer solchen Aussage deutet an, die erste Feststellung sei schlechter, nicht korrekt, weniger zutreffend, oder sogar falsch. Die zweite \u00c4u\u00dferung ist \u00fcberlegen. Im Grunde genommen hei\u00dft das, nicht A, sondern B ist wahr, g\u00fcltig, und so weiter. Jesus scheint das biblische Prinzip der Gerechtigkeit \u201eAuge um Auge\u201c ersetzen zu wollen mit \u201eder biete auch die andere Backe dar.\u201c<\/p>\n<p>Wenn dies jedoch der Fall ist, scheint es, als w\u00fcrden diese Aussagen Jesu fr\u00fcherem Anspruch, \u201edenkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz oder die Propheten aufzul\u00f6sen\u201c (5, 17), widersprechen. Schafft Jesus nun das Gesetz des Mose ab, um neue Standards aufzustellen, oder was?<\/p>\n<h2>\u201e<i>Nicht A, aber B<\/i>\u201c in seinem hebr\u00e4ischen Kontext<\/h2>\n<p><span class=\"dropcap dropcap3\">D<\/span>as Format \u201enicht A, aber B\u201c hei\u00dft nicht zwingend, dass A durch B ersetzt wird, zumindest nicht im hebr\u00e4ischen Kontext. Dies mag paradox klingen, ist aber ein Schl\u00fcssel zum Verstehen der Bergpredigt.<\/p>\n<p>Es gibt zahlreiche Aussagen in der Heiligen Schrift und in rabbinischer Literatur, die das \u201eNicht A-, aber B\u201c-Format verwenden. Sie beginnen mit einer Behauptung, die ungew\u00f6hnlich, vielleicht sogar fremdartig klingt, und einer bekannten Tatsache entgegensteht. Das ist der \u201eNicht A\u201c-Teil. Durch die Kontrastierung einer Aussage, die f\u00fcr uns als wahr gilt, soll unsere Aufmerksamkeit gewonnen werden. Wir sollen erkennen, dass es noch eine viel tiefere Bedeutung gibt, die in der zweiten H\u00e4lfte, dem \u201eaber B\u201c-Teil ausgedr\u00fcckt wird.<\/p>\n<p>Dieses in der hebr\u00e4ischen Literatur weit verbreitete Stilmittel zur Betonung eines bestimmten Punktes ist das \u00c4quivalent zum Unterstreichen. Wie die Rabbis erkl\u00e4ren, hei\u00dft das, nicht A ist die Hauptsache oder der wichtigste Punkt, sondern B ist die tiefer liegende oder prim\u00e4re Botschaft (Berachot 12b). Die \u201eNicht A\u201c-Aussage macht das vorherige Prinzip oder die vorherige Tatsache nicht ung\u00fcltig. Vielmehr hilft sie, gewichtigere Aspekte eines komplexen Sachverhaltes aus der Heiligen Schrift darzulegen.<\/p>\n<p>Wir werden anhand von 2 Beispielen sehen, wie dies funktioniert. Das erste ist aus einer rabbinischen Predigt, das zweite aus der Bibel selbst.<\/p>\n<h2>Die Predigt des Rabbis<\/h2>\n<p><span class=\"dropcap dropcap3\">H<\/span>ier ein Zitat eines bekannten rabbinischen Auslegers \u00fcber den Bibelvers Jes. 54, 13 (Hervorhebung durch mich): \u201e\u201aUnd alle <strong>deine Kinder<\/strong> [banajich im Hebr\u00e4ischen] werden von dem HERRN gelehrt, und der Friede <strong>deiner Kinder<\/strong> [wieder banajich] wird gro\u00df sein.\u2018 Lest nicht: \u201a<strong>deine Kinder<\/strong>\u2018 [banajich], sondern \u201a<strong>deine Baumeister<\/strong>\u2018 [bonajich]\u201c (Berachot 64a).<\/p>\n<p>Der rabbinische Ausleger stellt eine Behauptung auf, die im Widerspruch zur bekannten Tatsache steht, indem er sagt: \u201eLest den Bibeltext nicht so, wie er da steht\u201c (d. h. \u201enicht A\u201c) und schl\u00e4gt eine Alternative vor, \u201elest stattdessen\u201c (d. h. \u201eaber B\u201c). Damit ist die Aufmerksamkeit des Adressaten geweckt, weil der Ausleger es wagt, ein Wort der Heiligen Schrift von \u201eKindern\u201c in \u201eBaumeister\u201c zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Bedenkt jedoch das Folgende: Diese \u00c4nderung wird im Hebr\u00e4ischen durch das Ersetzen eines einzigen Vokals erreicht. Von alters her wurde die hebr\u00e4ische Bibel in Schriftrollenform ohne Vokale geschrieben. Die Vokalkl\u00e4nge wurden jahrhundertelang durch m\u00fcndliche \u00dcberlieferung weitergegeben und erst sp\u00e4ter von den Masoreten notiert. Eine kleine \u00c4nderung eines Vokals, wie von \u201ebanajich\u201c in \u201ebonajich\u201c ergibt ein v\u00f6llig anderes Wort mit einer anderen Bedeutung.<\/p>\n<p>Wie der informierte j\u00fcdische Zuh\u00f6rer wei\u00df, wollte der Ausleger nicht wirklich die Bibel ab\u00e4ndern. Er wollte einfach eine weitere Bedeutungsebene vermitteln: n\u00e4mlich, dass die, welche sich mit dem Studium des Wortes Gottes besch\u00e4ftigen, die wahren, geistlichen Baumeister der Welt sind und den Frieden vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n<h2>Gottes Predigt<\/h2>\n<p><span class=\"dropcap dropcap3\">N<\/span>och aufkl\u00e4render ist es, dass auch Gott das, \u201enicht A-, aber B\u201c-Format etliche Male in der Bibel verwendet.<\/p>\n<p>Hier ein Beispiel: \u201eSo spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels: Tut eure Brandopfer und anderen Opfer zuhauf und esset Fleisch. Denn ich habe euren V\u00e4tern des Tages, da ich sie aus \u00c4gyptenland f\u00fchrte, <strong>weder<\/strong> gesagt <strong>noch<\/strong> geboten von Brandopfern und andern Opfern; <strong>sondern<\/strong> dies gebot ich ihnen und sprach: Gehorchet meinem Wort, so will ich euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein; und wandelt auf allen Wegen, die ich euch gebiete, auf dass es euch wohl gehe\u201c (Jer. 7, 21-23).<br \/>\nUnzufrieden mit dem st\u00e4ndigen S\u00fcndigen des Volkes, sagt Gott ihnen, sie k\u00f6nnten genauso gut all die Opfer selbst essen, inklusive derer, die ganz auf dem Altar verbrannt werden sollten, denn Er k\u00f6nne sie nicht l\u00e4nger annehmen.<\/p>\n<p>Dann macht Gott eine \u00fcberraschende Aussage. Er sagt, er habe Israel keine Gebote \u00fcber Brandopfer oder andere Opfer gegeben, als sie aus \u00c4gypten auszogen (Vers 22; \u201enicht A\u201c), sondern habe ihnen lediglich gesagt, sie sollten Ihm zu ihrem eigenen Besten gehorchen (Vers 23; \u201eaber B\u201c). Stimmt der erste Teil? Ganz sicher nicht.<\/p>\n<p>Denkt daran, dass Israel in Vorbereitung des Exodus aus \u00c4gypten Gebote bez\u00fcglich des Passah-Opfers bekam (2. Mo. 12, 3-11. 21-27). Beim Geben der 10 Gebote instruierte Gott Israel bez\u00fcglich eines Altars und Opfern (20, 21, in einigen \u00dcbersetzungen Vers 24).<\/p>\n<p>Auch als Mose 40 Tage und N\u00e4chte lang auf dem Berg Sinai war, erhielt er Anweisungen, einen Altar zu bauen (27, 1-8) und Instruktionen \u00fcber Opfer zur Weihe, zur S\u00fchnung und f\u00fcr t\u00e4gliche Opfer (beachte insbesondere 29,1-46; 30, 10. 20. 28; 31, 9; siehe auch 40, 29). Gott hat in der Tat Israel Opfer befohlen von der Zeit an, da es \u00c4gyptenland verlie\u00df.<\/p>\n<h2>Gott l\u00fcgt nicht<\/h2>\n<p><span class=\"dropcap dropcap3\">D<\/span>a Gott nicht l\u00fcgt, was bedeutet das also? Wie oben erw\u00e4hnt, meint das \u201enicht A-, aber B\u201c-Format Folgendes: Nicht A ist der Hauptaspekt, sondern B ist der Hauptaspekt. Was sich wie eine unwirkliche Aussage anh\u00f6rt (\u201eIch habe Israel keine Gebote gegeben bez\u00fcglich Opfern\u201c) ist, tats\u00e4chlich nur ein Mittel zur Betonung der gewichtigeren Sache, n\u00e4mlich, dass es prim\u00e4r um den Gehorsam Gott gegen\u00fcber geht.<\/p>\n<p>Da Opfer also g\u00fcltig sind (sie sind immerhin von Gott bestimmt), sollte man nicht routinem\u00e4\u00dfig davon abh\u00e4ngig werden und es dabei an Aufrichtigkeit mangeln lassen. Opfer sind insofern sekund\u00e4r, als dass sie ein Korrekturprocedere nach dem S\u00fcndigen sind. Tats\u00e4chlich aber macht Gehorsam die Notwendigkeit vieler Opfer \u00fcberfl\u00fcssig.<\/p>\n<h2>Begegne der Beleidigung mit Stillschweigen<\/h2>\n<p><span class=\"dropcap dropcap3\">M<\/span>it einem auf das Hebr\u00e4ische eingestellten Ohr, k\u00f6nnen wir jetzt verstehen, was Jesus in der Bergpredigt meinte.<\/p>\n<p>Es ging ihm nicht darum, die Richtlinien des Gesetzes zu \u00e4ndern, damit Richter mit richterlicher Fairness urteilen konnten. Vielmehr war es Jesu prim\u00e4res Anliegen, die Neigung des Menschen zur Rache aufzuzeigen.<\/p>\n<p>Im t\u00e4glichen Leben liegt es in der Natur des Menschen, die Dinge genau gegeneinander aufzurechnen, was ihn in einen nicht endenden Kreislauf von Hass oder Gewalt treibt. Dies f\u00fchrt oft zu Rechtsstreitigkeiten vor Gericht. Doch Gerichte sind, im besten Falle, ein begrenztes Mittel zur Wiederherstellung gesch\u00e4digten Eigentums. F\u00fcr gew\u00f6hnlich k\u00f6nnen sie bitteren Groll zwischen den im Clinch liegenden Parteien nicht beseitigen. Ein sanftm\u00fctiger Geist, Zugest\u00e4ndnisse, ja sogar Stillschweigen, angesichts von Angriffen und Beleidigungen werden in vielen F\u00e4llen die Notwendigkeit eines Prozesses verhindern und zu einem gr\u00f6\u00dferen gemeinschaftlichen Frieden f\u00fchren.<\/p>\n<h2>\u201e<i>Nicht der ist ein Jude, der \u2026<\/i>\u201c<\/h2>\n<p><span class=\"dropcap dropcap3\">D<\/span>ieses Verstehen des \u201enicht A-, aber B\u201c-Formats hat \u00fcber die Bergpredigt hinausgehende Auswirkungen. Hier ein weiteres Beispiel dazu: Paulus wendet sich an Juden, als er sagt: \u201eDenn <strong>nicht<\/strong> der ist ein Jude, der es \u00e4u\u00dferlich ist, <strong>noch<\/strong> ist die \u00e4u\u00dferliche Beschneidung im Fleisch Beschneidung; <strong>sondern<\/strong> der ist ein Jude, der es innerlich ist, und Beschneidung ist die des Herzens, im Geist, nicht im Buchstaben. Sein Lob kommt nicht von Menschen, sondern von Gott\u201c (R\u00f6m. 2, 28-29).<\/p>\n<p>Aus seinem j\u00fcdischen homiletischen Kontext gerissen, wurde dieser Text ein klassischer Beweis f\u00fcr die Ersetzungstheologen (Verfechter der Enterbungslehre), mit der sie ihre Behauptung untermauern, Israel sei verworfen und durch die Kirche ersetzt worden.<\/p>\n<p>Doch Paulus, der einen Vorteil in der Beschneidung sah (Kap. 3, 1-2) und der einen J\u00fcnger namens Timotheus beschnitt, verwarf offensichtlich weder sein Volk, noch die Vorschriften des Gesetzes \u00fcber die k\u00f6rperliche Beschneidung. Frei von der missbr\u00e4uchlichen Verwendung durch Ersetzungstheologen, betont der Text lediglich den Hauptpunkt, man solle Gott mit einem beschnittenen Herzen dienen, d. h. mit Liebe und bereitwilliger Unterwerfung, einem Begriff, der seit den Tagen des Mose bekannt ist (5. Mo. 10,16; 30, 6; Jer. 4, 4).<\/p>\n<p>Wenn Christen sowohl den Tanach (das Alte Testament) als auch das Neue Testament, inklusive der Paulinischen Briefe, aus hebr\u00e4ischer Sicht lesen (d. h. unter Einbeziehung des j\u00fcdischen Kontexts), kann es ihnen helfen, diese Schriften besser zu verstehen. Historische Missverst\u00e4ndnisse \u00fcber das j\u00fcdische Volk werden so behoben \u2013 Vorstellungen, die heute nur allzu oft auf Israel \u00fcbertragen werden.<\/p>\n<p>*eine rabbinische Predigt<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In unserer letzten Ausgabe sprachen wir \u00fcber die Bergpredigt. Darin lehrte Jesus ausdr\u00fccklich die getreue Befolgung der Thora bzw. der Gesetze und betonte deren dauerhafte G\u00fcltigkeit durch Hinweis auf eine rabbinische Schriftauslegung \u00fcber das \u201eJota\u201c und den \u201eT\u00fcttel\u201c. Jetzt werden wir uns kurz mit den 6 kontrastierenden Aussagen Jesu in dieser Predigt befassen. 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